Jennifer West
Ruf des Schicksals
In einem Land der Zauberei und Legenden und einer Zeit der dunklen Macht, herrschten die Phönixe über das Volk des Lichts. Sie waren die majestätischsten Wesen von ganz Asturiaz, doch durch ihre Anmut und Kraft, hielt der König des Reiches die Phönixe für eine Bedrohung. Er jagte sie, und der einzige Ausweg für die schönen Geschöpfe bestand darin ihre magischen Kräfte in einem Gegenstand zu manifestieren. Sie waren sich ihrem bevorstehenden Ende bewusst und so erschufen sie in Ei, aus der Kraft ihres Feuers und ihrer Tränen. Der König und seine Schergen, die Essentia Obscuras, zerstörten die anmutigen Wesen, aber das magische Relikt wurde in Sicherheit gebracht. Doch es gab eine Weissagung, nach der derjenige der das Ei finden würde, so viel Macht haben sollte wie nie ein Geschöpf zuvor. Dies war jedoch nicht der einzige Teil der Prophezeiung, denn es ging noch weiter. Demnach sollte nur eine bestimmte Person dazu in der Lage sein, das Ei zu finden und mit Hilfe des Relikts wäre dieser Jemand dazu bestimmt den König aufzuhalten und zu zerstören. Der Heiligtümer hätte die Kraft, das Leid von den Wesen des Lichts zu nehmen und die Dunkelheit, die der König mit sich brachte, ein für alle Mal zu beenden. Der König jedoch maß dieser Prophezeiung erst nicht viel Bedeutung bei und suchte das Ei. Er wollte es haben, um es für seine Zwecke und Wünsche gebrauchen zu können. Sein Ziel war es, alle Wesen des Lichts zu vernichten um die Ungläubigen auszumerzen. Er wollte ein Reich voller Dunkelheit und dem wahren Glaube an ihn. Doch auch nach Jahrhunderten des Suchens, wurde das Ei nie gefunden. Die Wesen des Lichts steckten all ihren Glauben in den Heiligtümer des Eis. Die Weissagung gab den Geschöpfen des Lichts Kraft. Doch nach langer Zeit des Hoffens, verloren sie immer mehr den Glauben an die auserwählte Person und verzweifelten an der schlimmen Lage des Königreichs. Sie glaubten nicht mehr daran, dass der Heiligtümer sie retten würde. Denn das Ei lag noch immer in seinem Versteck, von dem Niemand wusste.
Bis heute.
Das kleine Mädchen schaute sich verstohlen um, wo war es hingelaufen? Es konnte doch nicht einfach so schnell verschwinden. Plötzlich hörte sie ein Rascheln und drehte sich augenblicklich um. Da war es! Das graue Kaninchen starrte sie angsterfüllt, von seinem Versteck hinterm Busch, aus an. Noch immer hatte es die gemeine Falle an seinem Bein, wodurch es schon einiges an Blut verloren hatte. >Diese dämlichen Kinder<, dachte sie sich und merkte dabei, wie ungeheure Wut in ihr aufstieg. Das Mädchen hatte die anderen Dorfkinder dabei erwischt, wie diese das kleine Tier gequält hatten und Jagd gespielt haben. Nur durch ihren Einsatz war das Kaninchen entkommen, doch dadurch würde sie wohl ordentlich Ärger bekommen, wenn sie sich zurück zum Dorf begeben würde. Jedoch war es nun viel wichtiger dem armen Tier zu helfen, anstatt sich mit den Gedanken an eine vermutlich starke Auseinandersetzung zu beschäftigen. Vorsichtig kniete sie sich nieder und streckte langsam ihre Hand in Richtung des verletzten Tieres aus.
Angsterfüllt schreckte es zurück und sie dachte schon, dass sie es auf andere Weise versuchen müsste, als sie auf einmal ein Knistern hörte und sah, wie das Tier vorsichtig auf sie zu humpelte. Schüchtern schnupperte es an ihrer Hand. Sie musste schmunzeln als die Tasthaare ein kitzelndes Gefühl bei ihr auslösten. Sie reagierte blitzschnell und legte ihre Hände um den zierlichen Körper des Kaninchens. Behutsam zog sie es zu sich heran, doch wie sie es befürchtet hatte, zappelte das kleine Tier nervös. Trotz ihres jungen Alters wusste sie, wie sie es festhalten musste. Ganz vorsichtig hielt sie das Kaninchen in ihrer Armbeuge fest und öffnete behutsam mit ihren Händen die winzige Falle und legte diese so zur Seite, dass sie oder das Tier sie nicht erneut auslösen konnten. Sie atmete erleichtert auf als sie sah, dass die Verletzung des Kaninchens nicht allzu schlimm war.
Wissend darüber was zu tun war, griff sie in ihrer Tasche und holte ihr mitgenommenes Verbandszeug heraus. Zudem langte sie noch nach der kleinen Alkohlflasche, die sie flink aus ihrem Haus gestohlen hatte. Sie öffnete diese und träufelte etwas von der Flüssigkeit auf die Wunde, woraufhin das Tier voller Schmerz zappelte. Das kleine Mädchen nickte mitfühlend und murmelte mit leiser Stimme: „T`schuldigung, aber es muss sein mein Kleines.“ Augenblicklich wickelte sie den weißen Stoff auseinander und band es um das Bein des Tieres. Liebevoll nahm sie es in ihre Arme und strich behutsam über dessen samtweichen Fell. Es schmiegte sich dankbar an sie, doch auf einmal wurde es unruhig. Sie hatte daraufhin keine andere Wahl als es los zu lassen. Sie sah dabei zu, wie das Tier zurück in das Gebüsch humpelte.
Zufrieden lächelnd stand sie auf, doch noch bevor sie sich auf den Rückweg machen konnte, hörte sie eine bekannte, gehässige Stimme: „Na Gwenny, hast das >arme< Tierchen wohl gerettet. Wenn du so weiter machst, wirst du es nie zu etwas bringen. Wie willst du denn je jagen oder gar einen Kampf gewinnen können. Du bist doch nur ein schwaches kleines Ding!“ Blitzschnell drehte Gwen sich um und starrte den dicken großen Jungen mit den Sommersprossen und seinen blonden langen Locken wütend an. „Du hast doch keine Ahnung Archan. Du bist ein ganz gemeiner Junge.“ Mehr als das fiel ihr nicht ein, ihr war unwohl zumute, doch sie wollte nicht so einfach klein beigeben. „Och wie niedlich, versucht sich Gweny doch tatsächlich gegen mich zur Wehr zu setzen. Du weißt doch, dass Du keine Chance gegen uns hast.“, erwiderte er gehässig lächelnd. Gwen spürte wie ihr Herz schneller klopfte, sie wusste nur noch nicht wirklich ob es daran lag, dass sie wütend oder ängstlich war. Vielleicht lag es sogar an Beidem. Aber das was sie mit genauer Sicherheit wusste war, dass sie nicht weiter schikaniert werden wollte. Sie wollte sich endlich für seine gemeinen Aktionen rächen, da sie so viel wegen Archan und seinen Handlangern schon durchmachen musste.
Sie hatten nie eine Möglichkeit ausgelassen um sie zu ärgern, sie hatten sie mehrmals in den Schlamm geschubst, ihr ihre liebste Kette weggenommen, sie beleidigt und sogar ihre Eltern vor ihr schlecht gemacht. Sie hasste diese Kinder so sehr! Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten und richtete diese vor ihre Brust. „Seht euch Gweny an, sie will es doch wirklich mit uns aufnehmen. Haha“, bemerkte er lachend und seine drei hageren Freunde, die aussahen wie der Tod höchstpersönlich, stimmten ein. Sie wusste, dass sie kaum eine Chance haben würde, doch das war ihr mittlerweile vollkommen egal. Das einzig Wichtige war, dass Archan endlich verstand, dass sie nicht alles mit sich machen lassen würde. Sie bemerkte, wie der Anführer seinen Handlangern ein Zeichen gab, und diese kamen nun böse lächelnd auf sie zu und zeigten dabei ihre schmutzigen Zähne. Gwen zuckte zusammen. >War das wirklich eine gute Idee?< Das einzige Mädchen der Gruppe kam immer näher, sie hatte ein Gesicht, welches so blass wie Schnee war und ihre schwarzen langen Haare hingen in fettigen Strähnen an den Seiten herunter. Wodurch es so wirkte, als würden ihre kalten grauen Augen zwischen einem Vorhang her blicken.
Guinivera sah noch wie diese zum Schlag ausholte, bevor sie ihre beiden Unterarme reflexartig nach oben streckte. Schnell wendete sie ihr Gesicht ab und spürte augenblicklich den stechenden Schmerz in ihren Armen. >Wehre Dich Gwen<, sagte ihr ihre innere Stimme, und sie schaute ängstlich auf. Sofort begriff sie, dass das hässliche Mädchen erneut zu einem Schlag ausholte, doch dieses Mal war sie schneller und wich flink darunter her. Ohne groß zu überlegen, ballte sie ihre rechte Hand und schlug auf den Rücken ihrer Gegnerin, woraufhin diese direkt zusammensackte. >Jahh!<, freute sich Gwen, doch zu ihrem Bedauern hielt ihre Freude nicht lange an. Auf einmal spürte sie selbst einen stechenden Schmerz in ihrem Rücken und ohne etwas dagegen tun zu können, gaben ihre Beine nach. Angsterfüllt drehte sie ihren Kopf und blickte in die drei gehässigen Gesichter über ihr. Plötzlich spürte sie erneut einen starken Schmerz, aber dieses Mal in ihrer Schulter und sie landete nun vollends im Dreck. Sie schmeckte Erde in ihrem Mund und spuckte diese angewidert aus. Was sollte sie tun? Sie konnte sich nicht wehren, so stark war sie einfach nicht. Mit aller Kraft stützte sie ihre Arme ab und versuchte sich aufzurichten, doch dies war nicht möglich, da sie ein neuer Schlag im Rücken erfasste.
Voller Verzweiflung stiegen ihr Tränen in die Augen und immer wieder zuckte sie schmerzerfüllt bei jedem neuen Schlag zusammen. Plötzlich spürte sie, dass die Schläge für mehrere Sekunden aufhörten, aber noch bevor sie sich aufrichten konnte, erfasste sie eine kalte Berührung an ihrem Nacken. Die Angst in ihr wurde nun umso größer. Sie hatte nicht die leiseste Chance etwas gegen die stärkere Person zu tun. Erst nach wenigen Augenblicken begriff sie, dass es sich dabei um eine Hand handelte. Mit ungeheurer Kraft wurde sie auf ihre Beine gehoben. Als sie mit ihrem tränennassen Gesicht aufsah, schaute sie direkt in das siegessichere Gesicht von Archan. Triumphierend lächelte er sie an und sagte: „Wehe Dir, Du wehrst Dich noch einmal gegen mich, dann wird es Dir noch schlechter ergehen. Versteh es endlich Gwenny! Du gehörst einfach nicht hierher und wirst es nie!“
Gwen konnte nicht anders als durch ihre Schmerzen und seine gemeinen Worte noch mehr zu weinen, worauf ihr Feind nur ein zufriedenes Lachen entgegnete. Schließlich spürte sie, wie sein Griff lockerer wurde. Da ihre Beine ihr Gewicht nach der starken Belastung ihres Körpers nicht mehr halten konnten, sackte sie erneut zu Boden. Voller Verzweiflung musste sie dabei zusehen, wie diese gemeine Bande singend zurück Richtung Dorf lief und sie verletzt liegen ließ. Was sollte sie jetzt bloß tun? Sie hatte sich nicht wehren können, dass stimmte, aber sie wollte sich einfach nicht weiter Schikanieren lassen! Sie musste zurück nach Hause und mit ihren Eltern reden, vielleicht wüssten diese ja Rat. Ganz vorsichtig stellte sie ihre Hände auf und stütze sich mit diesen ab, um aufstehen zu können. Zu ihrem Glück, unterstütze sie ihr Körper, und sie konnte etwas mühselig aufstehen. Sie atmete tief durch und machte sich dann entschlossen auf dem Weg zurück zu ihrem Haus. Die Schritte fielen ihr schwer. Sie fühlte sich unglaublich ausgelaugt, als wenn fast alle Kraft von ihr genommen worden wäre. Trotzdem schaffte sie es wohl irgendwie einen souveränen Eindruck zu machen, da niemand sie ansprach, ob etwas nicht mit ihr stimmen würde. Sie blickte angespannt zwischen den kleinen Holzbauten umher, doch von Archans Bande war zum Glück nichts zu sehen.
Das Dorf in dem sie lebte, war nicht schön, es bestand nur aus einzelnen Häusern und vereinzelten Ställen für die Tiere. Die Leute im Dorf waren ansonsten ganz nett, doch Gwen hatte zu niemandem dort ein wirklich enges Verhältnis. Es gab ein paar Mädchen in ihrem Alter, doch sie hatte nie mehr als ein paar Worte mit ihnen gewechselt. Sie waren nett, keine Frage, aber sie hatte schnell gemerkt, dass die Mädchen kein Interesse an ihr hatten und lieber unter sich spielen wollten. Es war natürlich ärgerlich, aber Gwen war nie die Art von Person gewesen, die sich aufdrängen wollte. Wenn sie merkte, dass jemand abweisend zu ihr war, ließ sie diese Person auch in Ruhe. Sie war gerne alleine und hing gerne ihren Gedanken nach. Doch manchmal wünschte sie sich schon jemanden mit dem sie reden oder spielen konnte, außer mit ihren Eltern. Sie liebte ihre Familie keine Frage, doch sie hatte immer das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Es war nicht sonderlich stark, doch sie merkte immer wieder, wie ihr schwerer ums Herz wurde. Plötzlich spürte sie eine Berührung auf ihrer Schulter und drehte sich erschrocken um.
Ein leiser Schrei entlockte ihr. Doch als sie sah, wer vor ihr stand, legte sie peinlich berührt ihre Hand auf den Mund. „Tut mir leid, ich wollte Dich nicht erschrecken Liebes. Ist alles in Ordnung mir Dir?“, sagte ihre Mutter und lächelte sie dabei liebevoll an. Ihre Mutter hatte ein schönes ovales Gericht, mit faszinierenden Grün-Braunen Augen. Ihre langen dunkelbraunen Haare hatte sie zu einem geflochtenen Zopf gebunden und vereinzelte Haarsträhnen, die nicht mehr gehalten hatten, fielen ihr nun ins Gesicht. „Schon gut, ich war wohl einfach sehr in Gedanken vertieft Mutter. Wo ist denn Vater, ich möchte Euch gerne etwas fragen?“, antwortete sie etwas nachdenklich. „Er noch ein paar Besorgungen erledigen, aber er müsste jeden Augenblick zurückkommen“, erwiderte sie und strich Gwen dabei behutsam über die Haare. Sie genoss diese Berührung und atmete nun etwas entspannter durch. „Was möchtest Du uns denn fragen? Geht es um etwas sehr Dringliches?“, fragte sie und sah sie dabei besorgt an. Gwen wich augenblicklich ihrem Blick aus und antwortete schnell: „Ja es ist dringlich. Ich kann damit nicht länger warten.“ „In Ordnung, dann lass uns schon mal ins Haus gehen und dort auf Vater warten.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und folgte ihrer Mutter. Das dunkelgrüne Kleid, welches sie trug, bewegte sich fließend bei jeder ihrer Bewegungen. Ihr Haus war klein und gemütlich. Es besaß nur eine Küche, ein Schlafzimmer für ihre Eltern, ihr Zimmer und einen kleinen Flur. Doch Gwen konnte sich nichts Besseres vorstellen. Hier fühlte sie sich wohl und wollte auch nie von hier weg. Sie gingen zusammen in die Küche. Gwen ließ sich dort langsam auf einen Stuhl sinken. Als sie saß, atmete sie erst einmal tief durch. Sie spürte immer noch stark ihren Rücken und vermutete, dass sich da viele Hämatome bilden würden.
Aber was sollte sie dagegen tun? Sie musste dadurch, eine andere Wahl hatte sie nicht! Es würde nicht leicht werden, ihren Eltern alles zu berichten. Doch sie hatte keine andre Wahl, wenn sie gegen die Bande vorgehen wollte. Auf einmal hörte sie Schritte im Flur und sprang freudig auf. Augenblicklich trat ihr Vater in den Raum. Er hatte einen Korb mit Holzscheiten in der Hand und lächelte sie und ihre Mutter freundlich an. Er trug eine alte dunkelbraune Hose und ein schwarzes, etwas staubiges Hemd. Seine schwarzen Haare waren schulterlang. Er trug einen dichten Bart, welcher seine dunklen Augen noch mehr betonten. „Na was ist denn hier los, sieht ja aus, als würde gleich ein Verhör stattfinden. Was ist denn los?“, fragte er immer noch lächelnd, doch Gwen sah, wie sich auch etwas Sorge in seinem Gesicht zeigte. „Guinivera hat uns etwas zu sagen. Komm setz Dich Randon“, antwortete ihre Mutter ihm und zeigte auf den Stuhl neben sich. Nun wurde Gwen etwas mulmig zumute, und sie spürte, wie ihr Herz anfing zu rasen. „Na dann. Was hast Du uns denn zu erzählen?“, fragte sie ihr Vater und schaute sie erwartungsvoll an, während er neben seiner Frau Platz nahm. Gwen atmete erneut tief durch und fragte ihre Eltern gespannt: „Ihr kennt doch mit Sicherheit Archan oder?“ „Diesen dicken Burschen, der keine Manieren hat? Wer kennt ihn nicht? Ich habe keine guten Geschichten über ihn gehört, aber was soll mit ihm sein?“, fragte ihr Vater und sah sie dabei weiter interessiert an. „Nun ja, er und seine Bande haben es in letzter Zeit auf mich abgesehen. Sie…“ Ausführlich berichtete sie von den letzten Wochen. Wie gemein er mit seiner Bande zu ihr gewesen war. Mit jedem Satz wurden die Augen ihrer Eltern größer, und als sie geendet hatte, schlug sich ihre Mutter erschrocken die Hand vor den Mund. „Das ist unglaublich Gwen. Du bist gerade einmal zwölf Jahre alt, du hast doch überhaupt keine Chance gegen den drei Jahre älteren Archan mit seinen Anhängern. Das ist doch nicht fair. Dagegen muss etwas unternommen werden! Ich werde mit seiner Mutter sprechen.“ „Nein Mutter, bitte nicht. Wenn Du das machst, wird das nur noch schlimmer werden“, erwiderte Gwen ängstlich. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit“, schaltete sich nun ihr Vater ein. „Wovon sprichst Du Vater?“, fragte sie neugierig. „Du willst Dich wehren nicht wahr? Wie kann man sich besser wehren, als bei einem Schwertkampf.“ „Du willst, dass ich gegen ihn mit einem Schwert kämpfe. Niemals! Er nimmt schon seit Jahren an den Dorfkämpfen teil. Ich kann doch noch nicht einmal ein Schwert halten“, sagte Gwen erschrocken.
Was dachte sich ihr Vater nur dabei? Das würde doch nie funktionieren. Nein! Es musste einen anderen Weg geben! Aber welchen? „Sie hat Recht. Was denkst Du Dir dabei. Einfach so gegen ihn anzutreten, wäre glatter Selbstmord für sie!“, erwiderte ihre Mutter entrüstet. Gwen nickte daraufhin eifrig, doch ihr Vater ließ sich nicht beirren: „Ich sage ja nicht, dass Du ihn einfach so herausfordern sollst. Du könntest an einem der Dorfturniere teilnehmen und dort gegen ihn oder einen seiner Leute antreten.“ „An den Dorfkämpfen teilnehmen? Rodan, ich bitte Dich! Sie ist ein Mädchen und die dürfen nun einmal nicht kämpfen“, entgegnete ihre Mutter kopfschüttelnd. „Ja das weiß ich. Aber wenn sie nicht als Mädchen antreten würde, sondern sich als Junge verkleiden würde, ginge das.“ „Ja vielleicht, aber dann hätten wir immer noch das Problem, dass ich nicht kämpfen kann“, sagte Gwen nachdenklich. An sich gefiel ihr die Idee sogar, aber es war nicht zu leugnen, dass es nie funktionieren würde. „Jetzt vielleicht nicht, aber wenn ich Dich trainieren würde schon. Ich habe mein ganzes Leben lang an diesen Kämpfen teilgenommen und ich bin wirklich gut mit dem Schwert. Ich kann Dir so einiges beibringen“, antwortete ihr Vater und lächelte ihr dabei aufmunternd zu. Doch ihre Mutter schüttelte nur überrascht mit dem Kopf. „Möglicherweise ist das wirklich keine schlechte Idee Mutter. Einen Versuch ist es zu mindestens Wert“, entgegnete Gwen nun zufrieden.
„Nun ja, wenn ihr mehrere Monate trainiert, könnte es vielleicht wirklich klappen. Du sollst es diesem Archan mit seinen Leuten schließlich zeigen.“ „In Ordnung, wann legen wir los?“, fragte Gwen aufgeregt. „Wie wäre es mit jetzt sofort?“, antwortete ihr Vater lachend. „Und wo? Hier im Haus ganz sicher nicht und auf dem Rasen hinter unserem Haus, würde Euch jeder sehen“, ward ihre Mutter ein. Schon wurde Gwens Hochgefühl wieder weniger, und sie nickte langsam. Sie hatte Recht. Guinivera selbst wusste auch keinen Ort, wo sie trainieren könnten. Traurig ließ sie den Kopf hängen. Das war’s dann wohl mit dem Wehren. „Wie wäre es denn mit dem Stall. Im Moment haben wir doch eh kein Pferd. Wenn wir ein paar Sachen wegräumen würden, hätten wir genug Platz“, erklärte ihr Vater. Ja! Das war die Idee. Dort würde sie niemand stören. Sie könnten Stundenlang trainieren. An den Stall hatte sie gar nicht gedacht. Einfach perfekt! „Gut dann komm mit Gwen.“ „Willst Du denn keine Schwerter holen Vater?“, fragte sie ihn überrascht, da er keine Anstalten machte in sein Gemach zu laufen, wo sein Schwert lag. „Nein Liebes, heute wird noch nicht direkt mit Schwertern trainiert. Außerdem ist meins viel zu groß für Dich. Damit kannst Du nicht gut kämpfen. Ich werde Dir ein anderes besorgen. Heute trainieren wir mit etwas anderem.“ Mit diesen Worten stand er auf und zeigte ihr, dass sie ihm folgen sollte. Sie war aufgeregt und sehr gespannt darauf, wie ihre erste Stunde ablaufen würde. „Viel Spaß ihr beiden“, sagte ihre Mutter, als sie gerade die Küche hinter sich gelassen hatten. „Danke“, rief Gwen zurück und lief glücklich neben ihrem Vater her. „Wie lange hast Du gebraucht, bis Du richtig kämpfen konntest Vater? Mit wie vielen Jahren hast Du das erste Mal an einem Dorfkampf teilgenommen? Hast Du eigentlich immer gewonnen?“, fragte sie ihn aufgeregt. „Na da ist ja jemand interessiert. Haha. Ich war nicht viel älter als Du, als ich das erste Mal an einem Turnier teilgenommen habe. Aber eins kann ich Dir verraten, ich war so nervös, dass ich vorher mein Schwert aus der Hand habe fallen lassen. Haha“, antwortete er mit einem herzerwärmenden Lachen. „Du und aufgeregt. Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ „Warum nicht Liebes?“ „Na, weil Du mein Papa bist. Du bist einfach toll“, antwortet sie und schmiegte sich liebevoll an die Seite ihres Vaters. Der strich ihr daraufhin über ihr Haar. Gwen ließ ihren Kopf sinken und seufzte glücklich. Als sie wieder aufschaute, waren sie nur noch wenige Meter von dem Stall entfernt. Es war nichts Besonderes. Einfach nur ein relativ großer Holzstall, an dem eine kleine Koppel angrenzte.
Als sie eintraten, sah Gwen wie Recht ihr Vater hatte. Es standen war einige Kisten und Besen im Weg, aber wenn man diese wegräumen würde, dann hätten sie mehr als genug Platz. Eifrig half sie ihrem Vater die Gegenstände wegzuräumen. Als sie damit fertig waren, staunte sie nicht schlecht. Der Stall war wirklich perfekt zum Üben. „Warte kurz, ich bin sofort wieder da“, sagte ihr Vater und lächelte sie dabei zufrieden an. Gespannt setzte sich Gwen auf einer der Kisten und wartete. Dabei sprudelten ihre Gedanken erneut nur so vor sich hin. Was wäre, wenn sie es doch nicht schaffen würde? Wenn sie zu schlecht wäre und einfach nicht kämpfen könnte, selbst wenn sie sich sehr anstrengen würde? Was würde passieren, wenn sie gut wäre aber beim entscheidenden Kampf kläglich versagen würde? Sie hatte bisher noch nie gekämpft, woher sollte sie auch wissen, ob sie es können würde. Sie wollte ihren Vater nicht enttäuschen. Nein! Sie würde sich mehr anstrengen als jemals zuvor in ihrem Leben, um ihre Eltern stolz zu machen! „Da bin ich wieder“, hörte sie ihren Vater sagen. Als sie zu ihm aufsah, bemerkte sie, dass er zwei circa einen Meter große runde, relativ dünne Holzstäbe in der Hand hielt. Damit sollten sie kämpfen? War das etwa sein Ernst? „Hier fang“, rief er ihr zu und warf augenblicklich einen von den Stöcken in ihre Richtung. Blitzschnell reagiert Gwen, sprang auf und griff mit ihren Händen danach. Sie bekam den Stock auch zu fassen, aber leider nur für ein paar Sekunden.
Dann entglitt er ihren Händen. >Oh manno< Als sie sich wieder aufrichtete, zuckte sie kurz vor Schmerz zusammen. Die pochenden Schmerzen in ihrem Rücken waren schlimmer geworden. Aber wenn sie wirklich kämpfen sollte, musste sie sich wohl oder übel zusammen reißen. Sie biss die Zähne aufeinander und war bereit zu trainieren. „Schade, aber für den Anfang trotzdem nicht schlecht. Bevor wir anfangen zu kämpfen, würde ich erst einmal gerne Deine Reflexe schulen“, sagte ihr Vater, und schaute sie erwartungsvoll an. „Und wie?“, fragte sie ihn erstaunt. „Lass Dich überraschen Liebes.“ >In Ordnung. Jetzt bin ich echt gespannt<, dachte sie mit einem rasenden Herzen. Sie beobachtete ihren Vater, wie er ein paar Sachen zusammen suchte und sich dann wieder vor sie stellte. Neben ihm lagen nun Bürsten in verschiedenen Ausführungen, zwei kleine Bälle und noch ein kleinerer Holzstab. „Du stellst Dich mir gegenüber. Ich werfe Dir aus unterschiedlichen Richtungen und Entfernungen diese Gegenstände zu. Diese sollst Du fangen.“ Gwen tat wie geheißen und wartete gespannt darauf, wann ihr Vater anfangen würde. Ob sie es wohl schaffen würde, viele der Gegenstände zu fangen? Hoffentlich. Doch entgegen ihrer Erwartungen, war die erste Trainigseinheit sehr entmutigend. Sie hatte von allen Utensilien gerade einmal zwei gefangen und das auch nicht gerade elegant. Sie merkte selbst, dass ihre Reflexe keineswegs kampftauglich waren. Sie müsste wohl erst einmal lange daran arbeiten. Enttäuscht von sich selbst, setzte sie sich wieder auf eine der Kisten und keuchte traurig auf. Auf einmal spürte sie eine Berührung auf ihrer Schulter und hörte direkt darauf ihren Vater sagen: „Liebes, keine Sorge. Bei mir war das das erste Mal auch nicht anders. Das ist ganz normal.“ „Das glaube ich nicht. Du hast bestimmt einen nicht gefangen und den Rest schon. Ich bin schlecht. Ich werde es nie schaffen, kämpfen zu können, wenn ich noch nicht einmal etwas fangen kann“, antwortete sie schluchzend. Tränen liefen ihr plötzlich über die Wangen. Sie konnte nichts dagegen tun. Sie war einfach so ungeheuer enttäuscht von sich selbst. „Ach Gwen. Wir üben das weiter. Du wirst schon sehen. In ein paar Tagen, kannst Du das viel besser, glaube mir“, entgegnete ihr Vater mit seiner beruhigenden und warmen Stimme.
Gwen konnte nicht anders als zu nicken und aufzustehen. Sie war müde und erschöpft. Sie wollte einfach nur noch ins Bett und schlafen. Die Tage vergingen und bald merkte Gwen wie Recht ihr Vater doch hatte. Ihre Reflexe wurden von Tag zu Tag besser. Bald konnte sie sogar schon in Sekundenschnelle mehrere Gegenstände hintereinander fangen. Ihr Vater sagte zu ihr, dass sie ein Naturtalent sei und selbst er länger dafür gebraucht hatte. Nun war sie immer zuversichtlicher, und bald war es endlich so weit. Sie durfte zum ersten Mal kämpfen. Zwar nur mit Stöckern, aber sie durfte kämpfen. Aufgeregt wartete sie im Stall auf ihren Vater und war überaus gespannt darauf, wie sie sich anstellen würde. Sie spürte wie ihre Hand um den Stock zitterte, und sie musste sich selbst dazu auffordern ruhig zu bleiben. Plötzlich hörte sie, wie die Tür geöffnet würde und sah ihren Vater freundlich lächelnd in den Raum stolzieren. „So Gwen Liebes, Du hast nun gesehen wie schnell deine Reflexe mit Übung reagieren können. Nun werden wir sehen, was uns das für den Kampf bringt“, erklärte ihr Vater und kam dabei mit dem Stock in der Hand auf sie zu. „Aber Vater, möchtest Du mir nicht erst noch etwas erklären oder so?“, fragte sie erschrocken. „Die beste Art zu lernen ist und bleibt immer noch die Praxis“, antwortete er und holte mit seinem Arm zu dem ersten Angriff aus.
Erschrocken wich Gwen zurück und parierte überrascht den Schlag. Ihr Herz raste wie verrückt. Erneut sah sie, wie ihr Vater den Nächsten Versuch wagte. Nun war sie aber darauf vorbereitet und reagierte diesmal mit mehr Präzision und Kraft. Die Parade gelang ihr recht gut, und sie traute sich endlich auch einmal anzugreifen. Mit voller Kraft schwang sie ihren Stock und stieß ihn ihren Vater entgegen, der diesen Angriff leider mit Leichtigkeit parierte. Sie spürte, wie sich Schweiß auf ihrer Stirn bildete und sie ihre Augen vor Konzentration zusammen gekniffen hatte. Auf einmal war jedoch etwas anders, ihr Vater machte eine merkwürdige Bewegung, die dabei jedoch sehr elegant aussah und schlug seinen Stock von unten. Damit hatte Gwen nicht gerechnet und reagierte zu spät. Sie schlug zwar noch gegen den Stock ihres Vaters. Doch mit ihrer Kraft konnte sie der ihres Vaters einfach nichts entgegensetzen. Ohne noch etwas dagegen tun zu können, fiel ihr ihr Holzstab aus der Hand. Sie keuchte erschöpft auf und wischte sich mit dem Ärmel ihren Schweiß von der Stirn. Das war wirklich anstrengend gewesen aber es hatte auch ungeheuren Spaß gemacht. Sie wollte mehr davon! Sie wollte so lange und viel trainieren, bis sie vor Erschöpfung zusammen brechen würde. Ja! Sie wollte eine perfekte Schwertkämpferin werden! „Das war schon wirklich nicht schlecht Liebes. Natürlich müssen wir noch etwas trainieren aber ich sehe: Du hast Talent. Ich denke wir werden Dich zu einer großartigen Kämpferin machen können“, sagte er zufrieden lächelnd. „Wirklich Vater? Ich werde alles dafür tun, Euch stolz zu machen. Das verspreche ich Dir. Ich werde härter trainieren als alle anderen!“ Und das tat sie auch. Sie trainierte jeden Tag mehrere Stunden mit ihrem Vater und danach noch einmal so viele alleine. Öfters übte sie bis spät in die Nacht. Nur kleine Kerzen erhellten ihr den Raum. Bald war es endlich soweit und sie trainierten das erste Mal mit Schwertern. An das Gewicht musste sie sich erst einmal noch gewöhnen. Doch schon nach kurzer Zeit konnte sie damit gut umgehen und wurde immer besser. Ihr Vater war ein strenger, jedoch sehr guter Lehrer. Er lehrte sie unglaublich viele Techniken, die sie alle verinnerlichen musste. Zwischenzeitlich zweifelte sie an sich selbst, ob sie es wirklich schaffen könnte.
Doch mit dem Zuspruch ihrer Eltern gab sie ihre Hoffnung nicht auf. Sie trainierte immer verbissener, und ihr Vater war beeindruckt von ihrem Talent, so schnell zu lernen. Heute war endlich der Tag gekommen, auf den sie sich so lange vorbereitet hatte. Der Dorfkampf fand stand. Schon als sie aufstand war ihr mulmig zumute. Sie bekam beim Frühstück keinen einzigen Bissen ihres Apfels herunter. Nervös machte sie sich für den Kampf fertig. Um nicht erkannt zu werden, hatte sie ihre Haare zu einem festen Zopf zurück gebunden. Darüber trug sie eine braune Gugel aus Wildleder. Ihr Oberteil, sowie die Hose hatte sie sich von ihrem Vater geliehen. Damit ihr das auch einigermaßen passte, hatte sie sich beides zurechtschneiden müssen. Zudem hatte sie den Bund ihrer Hose mit einem Band festbinden müssen, damit sie ihr nicht von der Hüfte rutschte. Um ihre Taille hatte sie sich den Gürtel mit der Schwertscheide gebunden, die ihr ihr Vater geschenkt hatte. An den Füßen trug sie ihre eigenen schwarzen abgenutzten Schuhe. Sie blickte sich unsicher im Spiegel an. Irgendetwas fehlte. Ihre grünen Augen funkelten ihr entgegen, und sie sah wirklich aus wie ein Junge. Doch es gab ein Problem, die Leute, die sie wirklich kannten, würden nicht auf eine Gugel und Jungs-Kleidung hereinfallen. Sie musste sich noch etwas anderes überlegen, um nicht erkannt zu werden.
Missmutig sah sie sich in ihrem Zimmer um. Doch sie sah nichts, was ihr weiterhelfen könnte. Da kam ihr eine Idee. Schnell rannte sie in die Küche und kniete sich vor den Holzhaufen. Ein paar Aschereste lagen noch auf dem Boden, woraufhin Gwen zufrieden lächelte. >Ja Glück gehabt<, dachte sie. >Damit ist meine Verkleidung perfekt!< Schnell griff sie in die Asche und strich sich mit ihren nun schwarz gewordenen Händen über das Gesicht. Eilig rannte sie zurück in ihr Zimmer und betrachtete im Spiegel ihr Werk. Sie war nun wirklich nicht mehr zu erkennen. Ihr äußeres Erscheinungsbild ließ gar nicht darauf vermuten, wer sie in Wirklichkeit war. Sie sah aus, wie ein einfacher kleiner, dreckiger Junge, der zum ersten Mal an einem Turnier teilnahm. Sie würde als fremder Junge noch nicht einmal auffallen, da öfters Kinder und Jugendliche aus näher liegenden Dörfern kamen, um sich das Spektakel anzusehen oder daran teilzunehmen. Nervös ging sie auf ihr Bett zu und hob ihr Schwert auf. Behutsam wiegte sie es in ihren Händen. Sie liebte es mit dieser Waffe zu kämpfen und das Gefühl, wenn sie eins wurden. Seufzend steckte sie es in die Scheide und machte sich auf dem Weg nach draußen. Sie merkte selbst wie angespannt sie war, und als sie gerade die Tür aufstoßen wollte, hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Dreh Dich doch einmal bitte um Liebes. Dein Vater und ich würden gerne sehen, wie Du aussiehst, und ob Du auch wirklich nicht zu erkennen bist.“ Als Gwen sich umdrehte, vernahm sie ein überraschtes Keuchen, welches von ihrer Mutter ausging. Als sie hochschaute, sah sie auch wie ihr Vater sie mit großen Augen anblickte. „Unglaublich, wenn ich nicht wüsste, dass Du es bist Gwen, hätte ich Dich niemals erkannt“, entgegnete ihr Vater. „Ja wirklich unglaublich. Ich wünsche Dir ganz viel Glück mein Schatz. Zeig Ihnen, wozu Du fähig bist!“, sagte ihre Mutter und streichelte dabei aufmunternd über ihre Kapuze.
Gwen nickte nur stumm und öffnete dann die Tür. Die Luft draußen war kühler als in den letzten Tagen und sie spürte, dass sie wohl doch lieber einen Umhang hätte mitnehmen sollen. Doch nun war es zu spät. Würde sie noch einmal in das Haus gehen, wäre die Möglichkeit groß, dass sie sich doch nicht trauen würde. Sie atmete noch einmal tief durch und schaute sich um ob irgendwer gemerkt hatte, dass ein fremder Junge aus ihrem Haus gekommen war. Doch zu ihrem Glück war niemand zu sehen. Mit klopfendem Herzen schritt sie auf die Dorfmitte zu. Vorbei an den kleinen Häusern, an kleinen Gärten mit den Tieren. Die Luft wurde erfüllt mit dem Krähen der Hähne, das Zwitschern der Vögel und das freudige Quieken der Schweine, die sich im Schlamm suhlten. Mit jedem Schritt wurde sie nervöser, und immer mehr dachte sie darüber nach, ob es wirklich das Richtige war. Doch sie durfte jetzt nicht klein beigeben. Sie hatte so hart hierfür trainiert, das dürfte sie einfach nicht aufgeben. Als sie der Dorfmitte immer näher kam, erblickte sie immer mehr Menschen. Das war jedes Mal so, die Häuser standen im Dorf wie ausgestorben. In der Mitte wimmelte es nur so von den Dorfbewohnern. Sie hörte unzählige Stimmen, und eine riesige Menschentraube hatte sich um das relativ große Feld in der Mitte versammelt. Dorf fanden jedes Mal die Kämpfe statt. Dahinter stand meist ein Tisch, an dem zum einen der Moderator saß und zum anderen der Mann, der die Punkte zählte und das Ende des Kampfes bestimmte. Es war zwar alles sehr klein gehalten. Man konnte das niemals mit den Kämpfen an einem richtigen Hof vergleichen, so wie es Gwen erzählt wurde. Aber es war die einzige richtige Freude, die die Menschen hier hatten. Es lenkte sie ab, von der vielen Arbeit, den harten Steuern und der Dunkelheit, die sich über das Land ausbreitete. Gwen selbst hatte nie so richtig verstanden warum man zum Spaß kämpfte, doch seitdem sie es selbst tat, verstand sie es. Das Gefühl der Nutzlosigkeit war damit für einem Moment verschwunden, und alle Probleme die man hatte, konnte man erst einmal ausblenden. Das Gefühl, welches einen dabei durchströmte war einfach unglaublich. Wenn Gwen es nicht besser gewusst hätte, hätte sie fast behauptet, dass sie süchtig nach dieser Sportart geworden war, die ihr so viel Freude bereitete.
In ihre Gedanken vertieft, hatte sie fast den Pfiff zum Einschreiben nicht gemerkt. Zum Glück stupste sie jemand neben ihr an und fragte sie: „Bist Du hier zum Zuschauen oder zum Kämpfen?“ Es war ein dunkelhäutiger Junge, der fast zwei Köpfe größer war als sie, und wohl anhand seines Gesichts zu urteilen auch ein paar Jahre älter. Er lächelte sie freundlich an. Gwen konnte nicht anders als zurück zu lächeln. Sie hatte ihn noch nie hier gesehen, vermutlich kam er aus einem Dorf in der Nähe. Sie hatte sich bisher noch nie wirklich für Jungs interessiert, da diese immer nur gemein zu ihr waren. Doch dieser wirkte wirklich sympathisch und sah auch ganz süß aus. >Gwen reiß Dich mal zusammen. Du bist hier zum Kämpfen und nicht um irgendwelche Typen kennen zu lernen.< Bevor sie noch länger schwieg und er sie nachher für unsympathisch hielt, antwortete sie schnell: „Zum Kämpfen. Das ist das erste Mal für mich.“ „Keine Sorge, wenn Du willst, kann ich Dir helfen“, sagte er freundlich. „Das wäre wirklich nett von Dir. Danke“, antwortete sie erleichtert und atmete tief durch. „Bist wohl etwas nervös was? Das macht nichts, das ist ganz normal. Ich nehme schon länger an Turnieren teil, und ich bin jedes Mal nervös.“ „Wirklich? Und ich dachte, dass es nur beim ersten Mal so schlimm ist. Na toll“, entgegnete sie missmutig. „Keine Sorge, man gewöhnt sich dran. Es gehört ja auch irgendwie dazu. Aber komm erst einmal mit, dann können wir uns zusammen einschreiben. Weißt Du, wie das funktioniert?“, fragte er sie freundlich lächelnd. „Nein nicht wirklich um ehrlich zu sein“, antwortet sie und folgte ihm, als er sich auf dem Weg zum einschreibestand machte. Als Gwen sah, was für eine große Schlange sich dort befand, wurde ihr noch mulmiger zumute. Um die dreißig Jungen und junge Männer standen schon dort. Von ihrem Alter bis zum Erwachsenenalter war alles vertreten. Der nette Junge hatte wohl ihren schockierten Blick gemerkt, da er sagte: „Keine Sorge. Das wird alles in Leistungsklassen unterteilt. Wenn Du das erste Mal teilnimmst, wirst Du auch gegen andere kämpfen, die das erste Mal teilnehmen. Gewinnst Du, steigst Du eine Klasse höher und kämpfst dort gegen jemanden. Und so geht das weiter.“ „In welcher Klasse bist Du denn?“, fragte sie ihn neugierig. „Es gibt vier Klassen. Anfänger, das bist Du. Dann kommt Fortgeschrittene, doppelt Fortgeschrittene, da bin ich drin und dann kommt Profi. Dort treten meist die Jungs ab siebzehn an. Wie heißt Du eigentlich?“ >Oh verdammt. Ähm einen Namen hätte ich mir vielleicht eher überlegen müssen. Ähhm… wie könnte ich denn bloß heißen?“ „Mein Name ist Merem“, antwortete sie nervös. Etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen. „Und Du?“ „Ich heiße Castus. Wirklich schön, Dich kennen zu lernen Kleiner.“ „Sag mal. Ähm.. Kennst Du vielleicht einen Archan?“, fragte sie ihn und hoffte inständig, dass sie sich nichts anmerken ließ. „Archan hahahah. Natürlich kenne ich den. Ich habe früher öfter gegen ihn gekämpft. Er hält sich für den Besten, dabei ist er gerade einmal bei den Fortgeschrittenen, und das schon seit zwei Jahren. Jeder ist eigentlich besser als er.“ >Wie höchst interessant. Und ich dachte wirklich, dass er gut ist. Wenn ich mich also anstrenge und heute noch aufsteige, könnte ich vielleicht bald schon gegen ihn kämpfen<, dachte sie zufrieden lächelnd. „Wieso fragst Du?“, fragte er sie, und schaute sie dabei neugierig an. „Ach nur so, habe gehört, dass er gut sein soll.“ „Nein, keine Sorge, die Gerüchte stimmen nicht. Aber sag mal Kleiner, was hast Du eigentlich mit deinem Gesicht gemacht?“, fragte er und schaute sie mit großen Augen an. >Oh Mist, lass Dir schnell was einfallen Gwen!< „Ähm, ich bin vor unserem Holzhaufen gestolpert und mit dem Gesicht in der Asche gelandet.“ >Bitte kauf mir das ab. Biiittteeee.< „Hahaha na sowas. Naja solange Dir das nicht gleich beim Kampf passiert, dass Du hinfällst“, entgegnete er lachend. >Hoffentlich nicht!< „Oh sieh nur, wir sind schon dran. Möchtest Du zuerst oder soll ich?“ Tatsächlich, hatte sich die Schlange während des Gesprächs aufgelöst. Gwen stand nun vor dem grimmig guckendem Mann mit seinem grauen dichten Bart, der für das Einschreiben zuständig war. Schnell ging sie einen Schritt zurück und sagte: „Geh Du ruhig zuerst.“ „In Ordnung.“ >Puh noch einmal Glück gehabt. Er hat nichts davon gemerkt, dass ich ein Mädchen bin. Okay gleich ist es soweit Gwen. Lass Dir auch von diesem mürrischen alten Mann nichts anmerken.< Was sollte sie bloß tun, wenn doch irgendjemand merken sollte, dass sie nicht derjenige war, für den sie sich ausgab. Aber darüber durfte sie jetzt nicht nachdenken, sie musste sich auf Wichtigeres konzentrieren. „Nächster“, ertönte die hallende Stimme des mürrischen Mannes. Nervös ging Gwen einen Schritt vor und hoffte, dass er ihr klopfendes Herz nicht hören würde. „Name?“, fragte er, ohne auch nur den Kopf anzuheben. Seine Augen waren starr auf das Pergament vor sich gerichtet. Mit seinem Stift hielt er inne. „Merem… Ähm.. Torins.“ Sie sah zu, wie er hastig aufschrieb. „Ort?“, fragte er erneut, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Oh verdammt. Sie musste sich irgendein Nachbardorf aussuchen und zwar schnell. Welche gab es denn alle? Mmh mal überlegen. Korins, Trarius, Kolequam, Denvars. „Ich komme aus Korins“, antwortete sie, und ihre Nervosität schien sich immer mehr zu steigern. Sie spürte, wie ihre Hände zu zittern anfingen und versteckte diese schnell hinter ihrem Rücken. „Kampfklasse?“ „Anfänger.“ „Zum ersten Mal hier?“ „Ja.“ „In Ordnung. Du bist als Fünfter dran. Achte auf die Ausrufe. Nächster!“ >Als fünfter schon? Ohje, das kann ja was werden…<
Gwen atmete tief durch und ging am Tisch entlang Richtung Übungsplatz, der um vieles größer als der Kampfplatz war. Aber dafür befand er sich auch etwas weiter weg. Der Platz war mit Hölzern abgesteckt worden. Auf dem Platz befanden sich alle Kämpfer die ihre Techniken trainierten, als Gwen das sah, wollte sie am liebsten wieder umdrehen. Sie machte einen Schritt zurück, doch bevor sie sich es weiter überlegen konnte, spürte sie auch schon eine Hand auf dem Rücken. „Nana. Du willst doch wohl nicht kneifen oder?“ Als sie sich umdrehte, erblickte sie Castus, der sie belustigt anlächelte. „Nein, nein. Ich war nur vielleicht ein wenig eingeschüchtert von den vielen Kämpfern dort.“ „Wenn Dich das so einschüchtert, dann mache ich Dir einen Vorschlag. Trainiere einfach mit mir und achte nur auf mich. Dann werden die anderen es gar nicht schaffen, dich abzulenken oder einzuschüchtern. Was hältst Du davon?“ „Das wäre toll, aber willst Du nichts für Dich trainieren? Halte ich Dich nicht ab?“, fragte ihn Gwen erschrocken. „Als wievielter bist Du denn dran Merem?“ „Als fünfter.“ „Siehst Du. Ich dachte es mir doch. Die, die das erste Mal im Turnier kämpfen, kommen immer als erster dran. Ich hingegen bin erst Zwanzigster. Ich werde mit Dir trainieren, Dich dann anfeuern und dann habe ich immer noch genug Zeit, für mich zu trainieren“, entgegnete er aufmunternd lächelnd. Wow, so nett war noch nie jemand außer ihre Eltern zu ihr. Sie spürte, wie ihr leicht warm ums Herz wurde. Das fühlte sich gut an, jemanden zu haben mit dem man so reden konnte. „Das würdest Du wirklich für mich tun? Dankeschön.“ „Nur unter einer Bedingung.“ „Und die wäre?“, fragte Gwen überrascht. „Na Du musst mich auch anfeuern.“ Gwen konnte gar nicht anders, als anfangen zu grinsen. „Natürlich mache ich das.“ „Gut, dann komm. Wir müssen trainieren. Es ist nicht mehr so viel Zeit bis Du dran bist. Bei den Anfängern gehen die Kämpfe meist nur ein paar Minuten.“ Sie folgte ihm auf ein freies Stück auf dem Übungsplatz. Sie stellten sich gegenüber auf, und er zog sein Schwert. Sie tat es ihm gleich. Nun schauten sie sich nicht mehr freundlich entgegen, sondern musterten sich gegenseitig argwöhnisch. Gwen beobachtete jeden seiner Schritte, und als er angriff, hatte sie schon damit gerechnet. Sie parierte seinen Schlag perfekt und griff selbst an. Auch er parierte ihren Schlag mit Leichtigkeit. Lächelnd machte sie eine schnell Drehung und schlug von oben. Castus lächelte nur und parierte. Er machte zwei Schritte auf sie zu und griff wieder an. Gwen spürte, wie das Adrenalin in ihr zu brodeln begann und fühlte sich frei. Sie reagierte blitzschnell, parierte und griff mit einem Sprung an. Castus schien überrascht, aber so wie er mit seinem Schwert reagierte, schien ihm ihre Attacke nichts weiter auszumachen.
Gwen musste sich etwas überlegen, sonst wäre der Kampf zu langweilig. Sie hatte eine Idee. Sie machte eine kleine Handbewegung von oben, um einen Schlag anzutäuschen, griff jedoch dann von unten an und überraschte so ihren Gegner. Der parierte zwar, aber nicht so schnell wie sie vermutete hatte. Somit griff sie erneut an. Diesmal, versuchte sie ihm das Schert mit dem Ihren aus der Hand zu drehen, doch leider klappte das nicht so, wie sie erhofft hatte. Er griff nach, entwand sich ihrem Griff und schlug mit solcher Kraft zu, dass sie ihr Schwert fallen lassen musste. Enttäuscht hob sie ihr Schwert auf, sie hatte wirklich gedacht, dass sie es schaffen könnte. „Hey, sei nicht traurig. Hast Du das erste Mal gegen jemand anderen gekämpft?“, fragte er sie lächelnd. „Ja, habe sonst nur gegen meinen Vater gekämpft“, antwortete sie seufzend. „Siehst Du. Ich kämpfe schon seit mehreren Jahren, und ich kann Dir verraten, dass ich noch nie so einen guten Anfänger wie Dir begegnet bin. Du bist wirklich gut. Keine Sorge, den Kampf gegen den Anfänger gewinnst Du locker.“ „Meinst Du das Ernst?“, fragte sie ihn erstaunt. „Ja wirklich. Du hast echt Talent.“ Das hatte ihr Vater auch zu ihr gesagt. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Komm Merem, Du bist gleich dran. Lass uns schon einmal aufstellen, und während die vor Dir noch kämpfen, kann ich Dir derweil noch ein paar Tipps geben. Was hältst Du davon?“ „Das klingt wirklich toll, danke Castus.“ Zusammen gingen sie den Pfad entlang, der sie zum Kampfplatz führte. Erneut wurde sie mit jedem Schritt nervöser und hoffte inständig, dass ihr erster Gegner nicht gut war, damit sie sich nicht blamierte.
Als sie am Eingang standen, eignete sich gerade ein Kampf zwischen zwei Jungen in ihrem Alter zu. Gwen erkannte schnell, dass beide nicht besonders gut waren. Ihre Technik war nicht gut genug trainiert und ihre Attacken waren viel zu langsam. „Siehst Du das, Du bist tausend Mal besser als die. Also als Tipp könnte ich Dir noch geben, dass Du deine Schritte immer variierst, damit dein Gegner verwirrt ist und nicht weiß, was als Nächstes kommen wird.“ In diesem Moment ertönte ein Pfiff und der Kampf war beendet. Sie war dankbar für Castus Rat, doch gerade konnte sie an nichts anderes denken, als den Kampf. So nervös wie jetzt war sie noch nie im Leben gewesen. Sie spürte einen kleinen Stoß im Rücken und hörte Castus sagen: „Los jetzt. Du schaffst das.“ Mit staksigen Schritten ging sie auf den Platz. Als sie sich umdrehte, kam ein kleiner schlaksiger Junge auf sie zu, der sie siegessicher angrinste. Er dachte vermutlich, dass so ein kleiner „Junge“ wie sie es war, nichts drauf hatte. Dem würde sie es zeigen. Lächelnd stellte sie sich in die Ausgangsposition und wartete auf den Startpfiff. Sie war immer noch nervös, doch nun freute sie sich einfach nur auf den Kampf. Der Pfiff ertönte, und sie griff an. Sie ging die erste Attacke mit so einer Geschicktheit und Präzision an, dass ihr Gegner sie nur verdutzt anstarrte. >Tja, ich kann halt doch was Idiot.< Von überall, hörte sie Rufe und Schreie, die sie anfeuerten. Noch einmal griff sie an. Der Junge parierte zwar, aber nicht kräftig genug. Als Gwen erneut mit voller Kraft zuschlug, schleuderte sie das Schwert des Jungen aus seiner Hand. Dieser starrte sie völlig verdutzt an und schüttelte nur mit dem Kopf. Der Pfiff, der verdeutlichte, dass der Kampf zu Ende war, ertönte. Gwen lächelte zufrieden und schaute sich um. Das Publikum jubelte und Castus, der am Rand stand, applaudierte begeistert. Sein Gesicht sprach für sich. Sie sah, was er ihr sagen wollte. „Habe ich es Dir nicht gesagt.“ Die Stimme des Moderators, gab in diesen Moment den Sieger bekannt: „Unser neustes talentiertes Gesicht ist… Merem Torins. Er wird in ein paar Runden in der Nächsten Kategorie Kämpfen. Du bist als sechszehntes dran mein Lieber.“
Glücklich ging sie vom Platz auf Castus zu, der freudestrahlend auf ihre Schulter klopfte. „Gut gemacht Kleiner, bin gespannt gegen wen Du gleich kämpfen musst.“ Das war sie auch und wie! Wie stark würde ihr Gegner wohl sein? Könnte sie es wirklich schaffen? >Gwen, mach Dir nicht so einen Stress. Du schaffst das schon<, sagte sie in Gedanken zu sich selbst. „Komm Kleiner, wir trainieren noch ein wenig, damit perfekt für deinen Nächsten Kampf vorbereitet bist“, sagte Castus lächelnd zu ihr. „In Ordnung“, erwiderte sie nervös. Ob er ihr wohl erneut Tipps verraten würde? Sie folgte ihm erneut zu dem Übungsplatz. Gwen war überrascht. Mittlerweile war es deutlich leerer geworden. Möglicherweise, weil mehrere Anfänger schon ausgeschieden waren, vermutete sie. Als sie sich umsah, keuchte sie plötzlich erschrocken auf. In der linken Ecke des Platzes, sah sie wie Archan gegen seine Handlanger kämpfte. Er schien sich wirklich gut zu halten. Aber Castus hatte ihr doch gesagt, dass er schlecht war. Aber das da Hinten, sah gewiss NICHT schlecht aus. Gwen wurde ganz flau zu Mute und ihr spürte, wie sich alles in ihr drehte. „Hast Du nicht gesagt, dass Archan schlecht sei?“, fragte sie ihren Helfer erschrocken. „Du meinst diese Show, die die da abliefern. Genau das ist es Merem, nichts mehr als eine Show. Glaube mir, das da sehe ich schon seit Jahren, und die haben noch nicht einmal irgendetwas geändert. Kommt es wirklich darauf an, sich im Kampf zu messen, würde er kläglich versagen. Dieser Kerl ist eh zu nicht mehr fähig, als zu einer ausgereiften Show!“, antwortete Castus mit zusammen gekniffenen Augen. „Du scheinst ihn nicht besonders zu mögen oder?“, fragte sie ihn neugierig. >Zu mindestens noch einer, der meiner Meinung ist. Das fühlt sich wirklich gut an.< „Wer außer seine dämlichen Gefolgsleute kann ihn schon leiden. Er tut so, als wäre er der allerbeste und stärkste. Dabei ist er nichts von dem. Großes Mundwerk aber nichts dahinter, würde ich mal sagen.“ „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Glaube mir Kleiner. Es ist so. Und ich gebe Dir noch einen Rat. Versuche nie wie er zu werden, das würde nicht gut enden.“ „Nein, niemals!“, antwortete Gwen überrascht über seine Äußerung. „Dann ist ja gut. Komm stell Dich auf, und wir fangen an.“ Die Übungszeit ging leider viel zu schnell zu Ende und Gwen hätte sich gewünscht, noch etwas mehr mit dem netten Jungen trainieren zu können. Er hatte ihr in den paar Minuten wirklich noch sehr geholfen und ihr interessante Tipps gegeben. Wie sie zum Beispiel ihren Gegner besser täuschen könnte, oder wie sie die Haltung des Griffs variieren könnte, um immer die Kontrolle zu behalten.
Nun war es soweit. Sie musste ihren Nächsten Kampf antreten. Nervös trat sie vor dem Eingang des Kampfplatzes und trat von einem Fuß auf den anderen. Sie hatte zwar wirklich Lust zu kämpfen, aber so richtig traute sie sich dennoch nicht. Sie hatte den Kampf vorher nicht beobachtet, um sich nicht noch nervöser zu machen und starrte immer noch regungslos in den mit Gras bewachsenen Boden. Plötzlich hörte sie den Pfiff und sie wusste, dass sie nun eintreten musste. Verschwommen nahm sie noch die Worte von Castus wahr: „Du schaffst das!“ Doch das war alles irgendwie so weit weg. Immer noch auf den Boden starrend, setzte sie einen Fuß vor den anderen und ging auf das Feld. Sie merkte, dass irgendwer jubelnd an ihr vorbei lief. Vermutlich der Gewinner des Kampfes eben. Als sie ihren Kopf anhob, um zu sehen, wer ihr Gegner war, keuchte sie entsetzt auf. Vor ihr stand niemand anderes als Archan. >Ok Du darfst Dir jetzt nichts anmerken lassen. Du kennst diesen Typen kaum, weil du aus einem anderen Dorf kommst<, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Doch es klappte nicht. Unaussprechliche Wut breitet sich in ihr aus. Sie versuchte verzweifelt diese zurück zu halten, doch es war vergeblich. Sie machte sich nur immer stärker in ihrem Körper breit. Wütend starrte sie ihren Gegner an, der nur belustig zurückblickte. Der Pfiff ertönte, und der Kampf begann. >Ich werde es Dir zeigen, Du verdammter Mistkerl!<, dachte sie und war plötzlich selbst erschrocken über ihre plötzliche Ausdrucksweise. Archan kam mit einem diabolischen Lächeln auf sie zu und schwang sein Schwert. Diesen Angriff parierte sie mit Leichtigkeit, und nun fing sie auch an zu lächeln. Mit ungeheurer Kraft, die sie sich niemals selbst zugetraut hatte, ging sie auf ihn los. Erst eine Attacke, dann noch eine und dann noch eine. Archan hatte ihrem Können und ihrer Wut nichts entgegen zu setzten. Sie drehte sich flink unter seinem Schwert her, als er dieses Mal angreifen wollte und schlug dann erneut zu. Ein entsetztes Keuchen ging von ihm aus, was Gwen mit unglaublicher Genugtuung erfüllte. Erneut griff sie an. „Das ist für die Verunglimpfung der Namen meiner Eltern!“, schrie sie. Ohne, dass sie es wollte, hatte sie den Gedanken laut ausgesprochen. >Ok nun war es eh vorbei mir ruhig bleiben. Jetzt kann ich auch weiter machen.< Ein Nächster Schlag erfolgte, bei dem sie schrie: „Und das ist für den Schlamm und die Kette!“ Archan wich erschrocken zurück und starrte sie mit offenem Mund an. Entsetzt entgegnete er: „Wer zur Hölle bist Du? Ich kenne Dich nicht. Ich kann Dir nichts getan haben!“ Sie spürte selbst, dass ihr Gesicht nur noch einer Fratze glich aber das war ihr egal. Sie wollte ihm ein für alle Mal eine Lektion erteilen! Sie hob ihren Arm mit aller Kraft die sie noch hatte und schlug erneut zu. „Und ob Du mir was getan hast! Du und deine Handlanger! Der hier ist für die Sache mit dem Hasen!“ Jetzt endlich schien er zu verstehen, da sich seine Augen überrascht weiteten.
Ein diabolisches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als er sagte: „Nein, das ist unmöglich!“ Doch plötzlich schien er sich zu fangen und kam wieder näher auf Gwen zu. Sein Gesicht wurde ernster, und er holte zur Attacke aus. „Na wenn das so ist, weiß ich wie ich Dich besiegen kann.“ Sie bemerkte, wie er blitzschnell reagierte und mit dem Schwert auf sie zusprang, doch Gwen war schneller und parierte den Schlag. Plötzlich spürte sie eine Berührung und blickte erschrocken nach links. Sie sah noch wie Archan schnell seinen Arm weg zog. Irgendetwas fühlte sich anders an. Und als sie zum Angriff ausholte, verstand sie auch was. Ihr Zopf lag nun frei auf ihrem Nacken und ging bei jeder Bewegung mit. Dieser Idiot hatte ihr ihre Gugel vom Kopf gezogen. Warum hatte sie nicht eher dran gedacht, dass er das Vorhaben könnte. Aber nun war das egal. Sie musste sich wehren, schließlich war ihr Gesicht noch verdeckt. Es war schließlich nicht selten, dass Jungs lange Haare hatten und diese auch flochten. Energisch ging sie auf ihn los, doch er nutzte das aus, und sie spürte noch etwas vor ihrem Fuß. Dann landete sie auch schon auf dem Boden. Blitzschnell drehte sie sich um und starrte wütend in das Gesicht ihres Gegners. Hatte er ihr wirklich ein Bein gestellt? Was war das denn bitte für eine Kampftechnik. Hinter sich hörte sie auch schon die Rufe: „Das war nicht fair! Gilt nicht!“ Doch davon ließ sich Archan anscheinend nicht beirren und kam mit gehobener Waffe auf sie zu. Sie musste jetzt schnell etwas tun! Flink sprang sie auf und richtete ihre Waffe gegen ihn, die sie zum Glück nicht beim Fall aus der Hand gelassen hatte. Er schlug mit so einer Kraft auf ihr Schwert, dass sie es fast nicht mehr hätte halten können. Aber auch nur fast. Mit höchster Anstrengung stemmte sie sich gegen das Gewicht und benutzte dazu nun auch ihren zweiten Arm. Wenn er unfair spielte, durfte sie das schließlich auch oder nicht? Sie spürte, wie ihr Schweiß die Stirn entlang tropfte, doch das war ihr egal. Sie wollte nur noch eins! Und zwar ihn zu besiegen.
Endlich schaffte sie sich aus dieser Situation mit einer gekonnten Drehung und einem Ausfallschritt zu befreien. Nun standen sie sich wieder gegenüber. Gwen fackelte nicht lange und griff erneut an. Diesmal wendete sie den Tipp von Castus an. Sie tat entschlossen so, als würde sie ihren Angriff von unten ausführen, und als sie schon sah, wie Aarchan darauf parieren wollte. Sprang sie zur Seite und schlug ihr Schwert mit voller Kraft von oben. Seine Parade war nicht so stark, wie sie angenommen hatte, was nur von Vorteil war. Dieses Mal griff sie noch einmal an aber von unten. Mit voller Kraft stemmte sie sich gegen sein Schwert und drehte es mit ihrem in seiner Hand um. >Noch ein kleines Stück und… Jahhh!< Mit einem dumpfen Schlag fiel sein Schwert zu Boden. Triumphierend lächelte Gwen, und in diesem Moment ertönte der Pfiff zum Ende des Kampfes. Gwen wollte sich gerade mit hoch erhobenem Kopf umdrehen, als Archan etwas sagte, dass sie aufkeuchen ließ. „Dieser Junge da ist gar kein Junge. Seht ihr es denn nicht, dass ist ein Mädchen.“ Gwen hatte vermutet, dass die Menge empört buhen würde und sie als Lügnerin bezeichnen würden. Doch ganz im Gegenteil, sie fing an schallend zu lachen. Erleichtert atmete Gwen durch. „Wenn Du nicht verlieren kannst Junge, tut es mir Leid für Dich. Wie Du sehen kannst, ist das vor Dir ein kleiner Junge mit einem geflochtenen Zopf. Nichts weiter. Vermutlich würden ihn seine langen Haare sonst einfach beim Kampf stören“, erwiderte der Moderator. Gwen nickte ihm einfach zu und auch die Menge gab ein zustimmendes Raunen von sich. Plötzlich spürte sie eine Bewegung hinter sich. Noch bevor sie reagieren konnte, lag sie erneut auf dem Boden. Was sollte das denn jetzt. Auf einmal spürte sie, wie sie umgedreht wurde und starrte nun überrascht in Archans wütendes Gesicht. Er saß so auf ihr, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Verzweifelt, versuchte sie sich irgendwie aus dieser misslichen Lage zu befreien, doch es half nichts. Sie hatte einfach keine Chance. „Archan, Junge. Lass das Kind los! Was soll denn das?“, fragte der Moderator empört. Doch bevor Archan antwortete, zog er den Ärmel seines Armes über seine Hand. Blitzschnell kam er mit dieser auf Gwens Gesicht zu. Sie versuchte ihn zu beißen, doch das schaffte sie nicht. Entsetzt musste sie es aushalten, dass er ihr mit ihrem Ärmel über das ganze Gesicht wischte und rieb. >Nein, Nein das durfte er nicht!< Plötzlich stoppten seine Reinigunsversuche und Gwen sah, wie zwei stämmige Männer den fetten Jungen hochhoben und festhielten. Vor ihr tauchte auf einmal Castus auf, der ihr die Hand hinhielt. Dankbar nahm sie diese an und lächelte ihm zu. Aber was war das in seinem Gesicht? Er lächelte nicht zurück, nein er starrte sie an. „Duuu… er hatte Recht.“ >Was? Konnte er sich denn nicht verständlich ausdrücken?< Doch als ein allgemeines erstauntes Raunen durch die Menschenmenge ging und einige riefen: „Es ist doch ein Mädchen“, begriff sie nun auch. Was sollte sie jetzt bloß tun? Entsetzt wartete sie, dass etwas passierte. Wie sie vermutete hatte, kam ein stämmiger Mann und packte sie an ihren Schultern. Mit einer dunklen Stimme, fragte er den Moderator: „Was sollen wir nun mit ihr Machen?“ Gwen machte sich auf das Schlimmste gefasst. Verzweifelt hielt sie ihre Tränen zurück. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! „Es ist zwar Frauen und Mädchen verboten an diesem Kämpfen teilzunehmen. Aber seid mal ehrlich, hat sie gekämpft wie ein Mädchen?“, fragte der Moderator.
Erneut ging ein Raunen durch die Menge. „Ich frage Euch noch einmal. Hat sie gekämpft wie ein Mädchen?“ Dieses Mal war die Reaktion stärker. Die Menschen schrien in einem durch: „Nein wie ein Junge! Wie ein verdammter Junge!“ „Nun gut. Das dürfte ich eigentlich nicht, aber ich bin wirklich überrascht von deinem Kampfstil Mädchen und ich glaube, dass Du es weit bringen könntest, wenn Du viel trainierst. Das heißt nicht, dass auf einmal hier jedes Mädchen kämpfen kann. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Du kein richtiges Mädchen wie die anderen bist. Du hast irgendetwas an Dir Kleine. Etwas Sonderbares... Es sei Dir erlaubt weiter an den Kämpfen teilzunehmen!“ >Wie bitte, was? Habe ich mich da gerade verhört?< Das war doch nicht möglich. Doch als auch die Menge freudig „Jaaa!“ rief und auch noch der stämmige Mann sie losließ, konnte sie es nun mehr glauben. Sie hatte es tatsächlich geschafft! Überglücklich schaute sie sich um. Die Menschen nickten ihr anerkennend zu, und auch Castus lächelte sie zufrieden an. Das alles war einfach unglaublich. Sie durfte wirklich als Mädchen weiter kämpfen und dazu hatte sie zum ersten Mal Archan besiegt. Dieser Tag war eindeutig ihr Glückstag. Was würde die Zukunft wohl bringen? Wie gut wäre sie in einigen Jahren? Was würde ihr Leben noch für aufregende Ereignisse für sie bereithalten?